[6] Gewöhnung und Anpassung

02.09.2018

Dusche dich jeden Morgen mit eiskaltem Wasser. Laufe barfuß über Schotter. Trainiere regelmäßig deinen Körper. Meditiere. Tue irgendetwas Unangenehmes bis es zur Gewohnheit geworden ist. Du wirst sehen, dass allmählich dein Körper und dein Geist sich daran gewöhnen und anpassen. Natürlich gibt es auch Ereignisse, an die wir uns nicht gewöhnen können, aber es sind weniger als wir annehmen.

''Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an'' - Mark Aurel

Was wir oft denken und tun, formt und ändert uns. Als Ziel dient das Schaffen von Ruhe, welches unter anderem angestrebt wird, indem wir unser Verhalten im Bezug zur Umwelt über längere Zeit anpassen, sodass wir mit ihr harmonieren und sie optimal ruhebringend für uns, aber auch für unsere Umfeld, ist.

Die Realität scheint zufällige Ereignisse zu haben. Wenn wir nicht genau hinsehen, lässt sich schwer erfassen aus welchen Ursachen etwas stattfindet. Vielleicht sind die Ereignisse, welche in unserer Welt passieren teilweise zufällig, oder unser endlicher, begrenzter Verstand kann die komplexe Kausalität nicht nachvollziehen. Vielleicht gibt es auch Gott. Das sind drei möglichen Kerne der Realität:

  1. Zufall

  1. Kausalkette

  1. Gott/Götter

Zukünftige Ereignisse und deren Konsequenzen lassen sich nur bezüglich der absehbaren Zukunft erraten. Uns sicher sein, dass dies oder jenes passieren wird, ist nicht unmöglich, aber je weiter wir in die Zukunft blicken wollen, desto verwaschener werden alle ungeplanten Flecken. Was du morgen zum Frühstück isst weißt du wahrscheinlich. Was frühstückst du aber in einer Woche oder einem Monat oder einem Jahr oder 20 Jahren? Es ereignet sich ständig etwas, was wir nicht voraus gesehen haben. Wichtig zu verstehen ist, diese Begegnungen werden kommen wie die immer wieder auftretenden Konflikte.

Wir können uns an Ereignisse gewöhnen, wenn sie regelmäßig genug auftreten. So werden wir uns an die Begegnung mit dem Objekt des Eiswassers aus dem Duschkopf gewöhnen, wenn diese Begegnung oft genug wiederholt wird. Für eine Gewöhnung sollte der Abstand zwischen den Ereignissen nicht zu klein sein, weil wir sonst eine Überbelastung erfahren und negative Konsequenzen auftreten. Der Abstand sollte auch nicht zu groß sein, sonst sind die Begegnungen nur Sonderfälle, welche keine langfristige Gewöhnung hervorbringt. So kann man pro Woche jeden Tag 15 Liegestützen machen oder jede Woche an einem Tag 105 Stück.

Während das Gewöhnen an etwas einen passiven Charakter hat, ist das Anpassen aktiv. Gewöhnung kann auch bewusst betrachtet und unterstützt werden, indem wir die zur Gewöhnung benötigten Ereignisse gewollt herbeiführen. Eine gewonnene Gewöhnung fällt, wenn überhaupt, erst im Nachhinein auf. Wir könnten Anpassung als aktives und Gewöhnung als passives Lernen beschreiben.

Lebende Organismen sind an ihre ökologische Nische genetisch gewöhnt oder passen ihren Aufenthaltsort ihren Bedürfnissen an, indem sie sich in ein geeignetes Habitat manövrieren. Das Leben im Allgemeinen ist eine Geschichte von erfolgreichen Anpassungen und Gewöhnungen an die Umwelt. Evolution ist schließlich nichts anderes als die zufällige Änderung von körperlichen Merkmalen über eine lange Zeit kombiniert mit einer natürlichen Selektion, welche die angepassteren Arten in einer bestimmten Umgebung im Überleben und somit der Weitergabe des Erbgutes favorisiert.

Wir Menschen hingegen haben durch die drei Komplexitäten die Fähigkeit der langfristigen und effektiven Anpassung von lokalen Begebenheiten gemeistert. Wir benutzen Terraforming, Architektur und Chemikalien, um unsere Umgebung für unsere Bedürfnisse effektiv brauchbar zu machen.

Bergbauminen, Staudämme, Gerichtsgebäude, Bordelle, gedüngte Felder, Weltraumstadionen usw. Alles durch Menschen Erbaute ist eine erstaunliche Sache. Bestimmte Tiere wie zum Beispiel Bieber oder Vögel bauen auch Strukturen, um in diesen zu wohnen, aber diese sind deutlich einfacher und kurzfristiger.

Doch auch bevor wir sesshaft wurden, waren wir effektiver als alle anderen Tier- und Menschenarten im Anpassen. Unsere Lernfähigkeiten ermöglichte uns schnell Strategien gegen neu auftretende Konflikte zu bilden. Wir sind die erste und einzige Spezies, welche sich in jede Klimazone verbreitet hat, ohne das sich unsere Physiologie und Gene ändern mussten. Wir haben fast alle gigantischen Raubtiere aus diesen Ökosystemen zum Artensterben gebracht, obwohl wir im direkten Zweikampf gegen diese den Kürzeren ziehen würden. Diese extrem gut ausgeprägten Fähigkeiten Anpassen und Gewöhnen sind als Eigenart der Homo Sapiens zu verstehen.

Sie sind unser Markenzeichen, unser Erfolgsrezept, unser NonPlusUltra. Wir beherrschen die Erde, die Luft, den Weltraum. Wir passen uns an, gewöhnen uns an die widrigen Umstände und kooperieren um die Herausforderungen zu überkommen.

Bevor ich aber die praktischen Anwendungen der Erkenntnis ausführe, muss ich auch über die ''gewöhnliche'' Schattenseite informieren.

Es ist an und für sich nicht verwerflich oder unnatürlich Bedürfnisse befriedigen zu wollen. Das erst mal vorweg. Ich habe mir nach und nach die meisten meiner Bedürfnisse bewusst gemacht und es sind verdammt viele. Auch habe ich ausprobiert, was passiert, wenn ich einige Bedürfnisse nicht befriedige. Es ist ziemlich unangenehm und sogar ungesund. Aber das heißt nicht, dass wir unsere Bedürfnisse immer vollkommen befriedigen sollten. Ich bin ein Teil meiner Generation und leider nicht frei von unseren zeitgenössischen Fehlern. Meine Abhängigkeit von dem Internet und dem Smartphone, sowie ein Bedürfnis nach Zucker und eine Avoidanz von Stille. Die wertvollen Dinge in unserem Leben werden davon bedroht, dass wir uns an sie gewöhnen. Bei Kinder ist das wohl am Offensichtlichsten. Manchmal weinen sie, falls sie irgendein Objekt nicht bekommen und kaum erhalten sie dieses vorher für sie wahnsinnig wertvolles Ding, wird es ihnen gleichgültig.

Je länger wir etwas besitzen, desto anfälliger ist es wertloser für uns zu werden.

Das gilt einmal für solche vergänglichen Funktionsgegenstände wie ein Smartphone oder ein Auto. Gewisse Menschen scheinen es für notwendig zu halten sich jedes Jahr aufs neue den neusten Zauberkasten zu erwerben. Bei Autos, besonders Statussymbol-fähigen, muss nicht ständig ein neues her, aber im Alltag vergessen wir schnell, wie groß der Aufwand der Fortbewegung ohne eine solche Kraftmaschine wäre. Ich habe schon nach einer Woche gemerkt, dass ich mein erstes eigenes Auto deutlich weniger enthusiastisch besetzt habe. Auch kann die Dankbarkeit für die Existenz der uns wichtigen Menschen rapide verschwinden.

Unzufriedenheit stellt sich ein, wenn wir immer mehr wollen oder gedenken zu brauchen.

Wie kritisch sehe ich die konstante Benutzung von Schmerzmitteln, die Sucht nach absoluter Sauberkeit und diesen unnötig häufigen unnötigen Erwerb von Objekten und Konsum von Dopaminauslösern? In einem natürlichen Maß sind diese Umstände notwendig oder irrelevant, aber im umgekehrten Massen sind sie sehr schnell und besonders langfristig schädlich.

Dieses verzweifelte Festhalten am Glücklichsein und die damit verbundene tiefe, demotivierende Enttäuschung ist nicht erstrebenswert.

Es bleiben die Konflikte im Leben, egal was wir tun. Seien es die Äußeren oder die Inneren. Wir können Konflikte lösen, aber es kommen ständig Neue. Das bedeutet nicht, dass wir in langweiliger Resignation ein besseres Leben führen, als im angespannten Verhältnis zu diesen Wachstumspotenzialen. Phlegmatische Unproduktivität im Angesicht von Problemen stellt eine Form von Ruhe und Gelassenheit dar - gewiss - , aber nach dem Konflikt einer Art ist vor dem Konflikt der gleichen Art. Erst wenn wir beginnen uns gegen die Konfliktart zu organisieren und uns eine funktionierende, langfristige Abwehr gegen die blad Wiederkommenden aufzubauen, nimmt unsere Unruhe langzeitig ab. Bekämpfe also nicht nur akute Probleme, sondern schaue hinter den Horizont auf die anrückenden Armeen des Schicksals, schaue woraus diese bestehen, wie die Kämpfer des Unvorteilhaften bewaffnet sind und bereite deine eigenen Streitkräfte vor. Wer vergisst Voraussicht walten zu lassen, dem reißt das Schlechte große Wunden. Also sende deine Späher aus und wisse das unbemerkte Feinde im Rücken den meisten Schaden anrichten können. Und eine gewonnene Schlacht bedeutet noch keinen gewonnener Krieg.


Erinnere dich. Du bist auf dem Weg zu einem Treffen und aufgeregt. Stell dir die schlimmstmögliche Weise vor wie das Event ablaufen kann. Je schlechter, desto besser. Und schaue dir dann die Konsequenzen an. Was wären die Konsequenzen und wie würdest du danach weitermachen? Diese Übung kann man auch meditativ alleine Zuhause machen. Setz dich auf einen Stuhl, schließe die Augen und stell dir vor was dir schlechtes passieren könnte. Auch hier sollten wir nicht vor den erschreckenden Ereignissen zurück schrecken. Die Eltern sterben morgen und was machst du dann? Du bekommst Krebs. Du verlierst deine Zunge. Du hast morgen eine Erkältung.

Warum das alles? Ist das nicht nur noch mehr belastend für unseren eh schon ununterbrochen geplagten Geist? Der Nutzen ist das Bewusstwerden über die sich möglicherweise ereignenden, schlechtesten Ereignisse und weitergehend über das Wesen von kleinen, irrelevanten Konflikte. Jemand nimmt dir die Vorfahrt. Na und? Hauptsache du kommst bei deinen lebenden Freunde an. Zudem Dankbarkeit. Dankbarkeit ist mächtig. Dankbar sein erleichtert uns das Leben und schafft Frieden.

Wenn eine Konfliktart immer wieder auftaucht, ist das Anstreben einer Resistenz oder sogar Immunität durch den Prozess der Gewöhnung ein langfristig gutes Vorhaben. Indolenz und Disziplin können sehr praktisch sein, je nachdem was wir erreichen wollen.

Deshalb ist Ataraxie bei Stoikern und Epikureern ein zentrales Ideal. Die Akzeptanz von Schmerz und dem Schlechten ist nicht so wichtig, wie die Akzeptanz der Vergänglichkeit von Glück und Entspannung, weil wir mit unserer im Tierreich unverglichenen Macht uns gegen die Interessen der hier personifizierten Natur wenden. Die Natur ist in ihrer Reaktion langsam, aber die Konsequenzen unserer Verfehlung werden wir spüren. Ganz der Natur können wir heute schwer dienen, da unser System auf der Ausbeutung von Ressourcen, welche der Natur gehören, beruht. Die Natur war seit je her ein sehr guter Richtwertgeber, sei es die Physik mit den Naturkonstanten oder unsere Lebensführung. Zur Gesundheit gehört dazu, dass wir wissen wie viel Schlaf wir benötigen. Die Natur zeigt uns wie viel wir brauchen und wie regelmäßig.

Als nächstes wenden wir den Blick auf eine lebensnotwendige Eigenschaft, die uns alle töten könnte.


Zusammenfassung:

- Wir können uns an viel gewöhnen oder anpassen

- Sich an das Gute zu gewöhnen hat Nachteile

- Sich an das Schlechte zu gewöhnen ermöglicht langfristigere Ruhe


Nächstes Kapitel: Kurzfristigkeit