[4] Die Sinnfrage

04.07.2018

 Warum habe ich den Sinn des Leben gesucht? Die Frage nach dem Endziel unserer menschlichen Existenz begründet sich auf das Verlangen Handlungen bewerten und gute Entscheidungen treffen zu können. Ist dieses oder jenes gut oder schlecht?

Ohne einen festen, wahren Richtwert muss bei jeder neuen Entscheidung die Bewertung der zu erwartenden Konsequenzen neu stattfinden. Das ist ineffektiv und verbraucht Energie, welche in dem anzustrebendem Fall des vorhandenen Sinnes für die Erfüllung dessen aufgewendet werden könnte.

Das Finden dieses Sinnes und die Erkenntnis über die bestmögliche Methode ihn zu erreichen - denn er wird auf vielen Wegen kurzfristig oder langfristig, kurzbleibend oder langbleibend erreichbar sein - resultiert in einem wertvollen Leben.

Viele Philosophen haben nach dem Sinn des Lebens gesucht und haben unterschiedliche gefunden. Wie konnten viele weise Menschen sich bei einer so grundlegenden Sache nicht einigen?

Eine mögliche Erklärung ist, dass es keinen Sinn gibt (Materialismus), was aber der Lebensqualität deutlich schaden kann (Nihilismus) oder im Sinn des Existenzialismuszu einer konstanten Skepsis gegenüber dem eigen Gewählten führen kann, da man sich seinen selbst auswählt. Beides ist unzureichend zufriedenstellend.

Die nach dem Sinn Suchenden haben die gemeinsame, höhere Konsequenz ihrer Prioritätensetzungen nicht erkannt. Ich wünsche mir, dass der von mir gefundene Sinn alle der voran gegangenen Sinne in einem Begriff mit vielen Synonymen bündelt und die oben aufgestellten Bedingungen erfüllt.

Der Sinn des Lebens ist: langfristig für sich und andere Ruhe schaffen.

Das was die Welt im Innersten zusammenhält und das Ziel jeder menschlichen Handlung ist, bewusst oder unbewusst, langfristig oder kurzfristig die Ruhe, Gelassenheit, Ausgelassenheit, Entspannung, Zufriedenheit und der Frieden.

Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon einige antike Philosophen erkannten die Wichtigkeit dieses Zustandes in der Lebensführung und nannten es Ataraxie (Unerschütterlichkeit) , Apathiae (Unempfindlichkeit) oder tranquillitas animi (Ruhe des Geistes). Aber für mich ist die Ruhe mehr, und weil es leichter zu schreiben und zu lesen ist, werde ich den Zustand der gesamten Synonyme der Ruhe schlicht mit dem Wort Ruhe vereinfachen. Sie ist einer der zwei einzigen relevanten Zustände des Universums. Die Ruhe steht nicht unabhängig über allen anderen Lebenssinnen, denn ich werde nicht argumentieren können, dass alle die Sicherheit, Macht, Wachstum, Triebbefriedigung, glücklich sein, Gesundheit oder das Existieren als höchstes Gut anstreben ihr Leben falschen Werten widmen. Wenn jemand dies behauptet, soll er gleich verkünden: ''Diese Tollen laufen dem Erstbesten hinterher, was sie erregt und reizt. Ich hingegen, bin so gebildet, dass ich als einziger besser um mich sehe und das wahre Höchste erkenne!'' Im Grunde sind wir heute in den konstruktivistischen Zeiten hoffentlich alle der Ansicht, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, was er aus seinem Leben machen will und was ihm wichtig ist. Die gesetzlich verankerte persönliche Freiheit nun aber erneut in seiner ruhebringenden Wirkung logisch zu bestärken und die Gegenstimmen zu entkräften, zögert nur die neuen und interessanteren Erkenntnisse unnötig heraus. Es gibt viele Wege Ruhe zu schaffen.

Es genügt meinen Standpunkt aus zu testen, in dem du dich auf ihn begibst und den Blick über die Landschaft schweifen lässt, vielleicht verspürst du die Lust eine Blüte mit dem Auge und dem Verstand ins Genauste zu erfassen. Nach einer ausreichenden Weile werden sich manche langweilen, da sie nicht wissen, was es ihnen nützt. Andere werden länger verweilen, den Ausblick genießen und die Gesamtheit verstehen.

Die Ruhe beschreibt einen Zustand, indem wir uns zwar bewegen, denn alles ist in einem riesigen, kontinuierlichen Wandel; in einer gigantischen, unaufhaltsamen, allgegenwärtigen Bewegung, dennoch keine relevanten, komplexen und intensiven Konflikte wahrnehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir überhaupt keine haben.

So unterscheidet sich die gemeinte aktive Ruhe von der Faulheit, Trägheit usw. , weil sie eher Ausdruck einer inneren Festigkeit ist, welche zu einer entschlossenen Kraft wird, als eine träge Hülle, die uns einschränkt.

''Weisheit beginnt damit, die Dinge beim Namen zu nennen.''

Es ist deshalb so schwer den Sinn zu finden, weil es nicht ein Sinn ist, sondern auf eine merkwürdige Art alle sind. Du kannst dein Vermögen vermehren wollen. Du kannst Ausländer ohne gute Argumente aus dem eigenen Land vertreiben wollen, oder das hübsche Mädchen ansprechen, welches vor dem Bücherregal steht. Egal was wir tun, wir wollen es machen, damit wir direkt oder indirekt den Zustand der Ruhesynomyme schaffen.

Der ganze Hass auf Geflüchtete begründet sich doch nur, wie ich vermute, auf das beunruhigende Gefühl, dass diese die eigene Sicherheit gefährden. Falls Geflüchtete dies tun, wovon ich nicht ausgehe, ensteht ein Gefühl der Unsicherheit, damit zugleich auch Anspannung. Sicherheit dagegen macht uns gelassen. Wir wissen dann, uns kann nichts passieren, denn wir sind sicher. Memento Mori - Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst. Wir können uns nicht sicher sein morgen noch zu leben. Gewiss ist es sehr wahrscheinlich, aber die Sicherheit über das Überleben ist nicht gegeben. Ein paar Beispiele, was passieren könnte: Du erleidest einen Herzinfakt; du rutscht aus oder stolperst und fällst irgendwo runter; ein Unfall im Straßenverkehr - sind eher wahrscheinlich als - ein Terrorist läuft dir über den Weg, du verschluckst dich an einer Mücke; ein Meteorit, Blitz oder Flugzeug fällt auf dich.

Sicherheit ist wie Glück oder der Zustand der Ruhesynonyme nicht ewig andauernd. Wir können uns Sicherheit schaffen, gerade wenn wir langfristig denken, ist dies sinnvoll, dennoch bleibt Sicherheit vergänglich und unsicher, radikaler gesagt: eine Illusion.

Kommen wir zu etwas mit Sicherheit verwandten. Das Streben nach Macht ist vielen in Form der krankhaften Sucht danach bekannt. Eine Volkskrankheit unter Diktatoren und anderweitigen Alleinherrschern. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass es ein normales Streben nach Macht gibt. Wir alle wollen und haben Macht. Macht besteht aus den Möglichkeiten zu machen. Und meist wird mit unserem Machen angestrebt etwas zu ändern, das uns Unruhe bringt. Wissen und Geld sind Formen der Macht, ebenso wie die politischen oder militärische Macht. Macht wird nochmal relevant im nächsten Kapitel, indem es um die Notwendigkeit der Konflikte geht. Wenn wir in der Lage sind, die Situation zu unserem Vorteil zu ändern - man der Herr der Lage ist - dann stellt sich auch eine Ruhe ein, denn wir vermögen die Konflikte zu lösen.

Wachstum ist die sich aufbauende Macht, und obwohl wir die Konflikte noch nicht lösen können, werden wir es in absehbarer Zeit können. Wachstum ist allgegenwärtig, besonders in der Natur. Im Mesokosmos ist es meist das Lernen, das Trainieren, das generelle besser werden in etwas. Wachstum zählt somit auch zu den Ursachen der Ruhe. Kapitel 6 geht auf konkretes, lebensnahes Wachstum ein.

Schwer zu widerlegen ist es, dass wir Triebe und Bedürfnisse haben. Freud formulierte zwei Haupttriebe; den Liebestrieb (Eros) und den Todestrieb (Thanatos). Für mich gibt es was Triebe und Bedürfnisse angeht riesiges Potenzial der Differenzierung, bedingt durch die Komplexität der Realität. Mir scheint es evident zu sein, warum die Nichtbefriedigung der Triebe zu der Negation der Ruhe führt und umgekehrt. So ist es wohl bei den meisten Bedürfnissen, welche uns in unsere Geschichte als Menschheit begleiten. Die Triebbefriedigung ist von Zeit zu Zeit auch notwendig, um uns als Organismus gesund zu halten, muss aber auch argwöhnisch beäugt werden und falls es zu viel des Guten wird entschlossen gemäßigt werden. Denn das müssen wir einsehen: die Triebe sind eine starke Kraft und wachsen schnell in ein Verlangen zur Überdosis, welche per Definition schädlich ist, heran. Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei. - Parascelsus (1538)

Einige sehen den Sinn des Lebens im ''leben'', womit sie nicht das alleinige Überleben oder Existieren meinen, sondern vielmehr etwas Spannendes, Abenteuerliches, Abwechslungsreiches, Genussvolles. Für mich ist es der Ausdruck der eudamonistischen Ideale, die irgendwie alle, außer Depressive, zu haben scheinen. Wir wollen glücklich sein. Wobei ich hier einfügen möchte, dass ich den Begriff glücklich als Synonym für Zufriedenheit als unglücklich gewählt erachte. ''Glücklich'' stammt von ''Glück'', welches auch eine vorteilhafte, zufällige Begebenheit meint. In der englischen Sprache wird unterschieden zwischen lucky und happy. Lucky ist aber gerade gemeintes Glück und Happy ist für mich fröhlich und ausgelassen. Wir wollen glücklich (im Sinne von fröhlich) sein. Und genau da wird es schwierig, das glückliche Leben nicht als oberste Vollkommenheit zu betrachten, gerade weil Wirtschaftsunternehmen einen Vorteil für sich durch diese Geisteshaltung in uns erhalten. Um herauszufinden, was der höhere Sinn von beiden (Ruhe oder Glück) ist, müssen wir entscheiden können, was erstrebenswerter ist, damit darüber ist.

Wenn glücklich SEIN das Endziel unserer Existenz ist, dann würden wir alle sehr schnell uns mit Drogen voll pumpen und unsere Existenz käme zum Schluss. So ist der Sinn des Lebens nicht das Ziel unsere Existenz zubeenden, sondern das Endziel unseres Seins. Einen vergänglichen Zustand hervor zu rufen, kann schwer der Sinn sein. Der Sinn ist Tätigkeit und Handlung. Ich würde niemanden vehement widersprechen, der spricht der Sinn sei glücklich WERDEN, wobei ''glücklich'' die Ruhe meint. Und trotzdem sehe ich das so: Der Zustand des Glückes führt zu einer Ruhe, Ausgelassenheit und Sorglosigkeit. Ruhe ist keine Ursache für Glück. Glück ist eine Ursache für Ruhe.

Einige sehen den Sinn des Lebens im leben. In der Tätigkeit des Existierens an und für sich oder im bewussten Existieren. Und das ist auch schön und gut, nun kann diese Ansicht aber nicht Selbstmord oder lebensgefährliches Verhalten erklären. Wenn wir leben wollen, wiso wollen manche sterben? Das ergibt nur Sinn, wenn mit leben gut leben gemeint ist. Und ich widerspreche in keinster Weise, das gut leben gut ist. Traurigerweise schaffen manche Subjekte sich langfristig Ruhe, indem sie ihr unruhiges und leidbepacktes Leben beenden. Das soll die letzte Ursache für Ruhe sein, welche ich hier ausführe.

Die Ruhe hat viele Ursachen, wie wir im vorausgegangenen erkennen. Sie kann sich auch als Konsequenz der Ursachenpluralität an Materie binden (Geld, Alarmanlage, Automobile, Marihuana). Aber die Ruhe kann auch - und das ist der ruhebringendere Fall - durch das Subjekt aus dem Subjekt entstehen. Indem wir uns in stoischer Weise auf die Konflikte vorbereiten oder sie und deren Konsequenzen schlichtweg akzeptieren. Es ist ein Ding der Gewöhnung, was unsere Affekte mit uns machen.

Die Akzeptanz von Schlechtem, Schmerz, Abwesenheit von Glück, Ungerechtigkeit und Verlust ist mächtiger, langfristiger und erstrebenswerter als die Aversion, welche zum Vermeiden führt. Das Vermeiden kann nicht immer gelingen und wir werden das Unangenehme spüren. Nur logisch und praktisch ist es, sich auf die Konflikte vorbereitet zu haben.

''Denn nur diejenigen trifft es hart, die unvorbereitet überrascht werden, leicht hält derjenige durch, der jederzeit vorbereitet ist.'' -Seneka

So ist der Kampf und die Wachsamkeit besser als die verzweifelte, zum Scheitern verurteilte Flucht. Was Ruhe angeht, scheint mir kein Mittel so kraftvoll, wie die Philosophie, deren Aufgabe darin bestehen soll, den beständigsten Weg zu zeigen und die anderen Pfade und deren Folgen uns bewusst zu machen.


Wer immer noch zweifelt und Christ ist, kann sich die Bergpredigt durchlesen, in der Jesus stark die Ruhe propagiert. Jeder, der lesen kann, ist in der Lage etwas von einem Stoiker, wie Seneka, Mark Aurel oder Epiktet oder (er ist fast Stoiker) Epikur zu lesen. Selbst die Buddisten können als Hilfe hinzugezogen werden. Sowie tausend andere Methoden und Narrative.

Jeder sollte die für sich möglichen Pfade entdecken und beschreiten, welche langfristig sich und anderen Ruhe schaffen. Die Pfade, welche sich zum Bergkamm an allen Hängen hoch hangeln sind zu zahlreich. Aber falls du direkt anfangen willst, nenne ich ein paar dieser: Meditation, guter Schlaf, Ernährung, Sport, Charisma und Lernen.

Und selbst wenn du mir nicht zustimmst, dass Ruhe das Erstrebenswerteste ist, so kann doch jeder zugeben: Wir alle leben ein Leben und dieses kann einen Sinn haben oder keinen, aber mit einem Sinn hat das Leben mehr Sinn.


Zusammenfassung:

- Einen Lebenssinn zu haben ist sinnvoll.

- Die Ruhe wird von jedem bewusst oder unbewusst ständig angestrebt.

- Es gibt viele beschreitbare Pfade.


Nächstes Kapitel: Die Akzeptanz und die absolute Notwendigkeit von Konflikten