[17] Von Tod und Sterben

07.09.2019

Enden wir mit unserem Ende.

Zuerst einmal unterscheiden wir zwischen einem Zustand, welchen wir zuerst besprechen werden (Todsein) und einem Ereignis (Sterben). Sobald wir herausfinden wollen, was dieser Zustand ist, stoßen wir auf Schwierigkeiten. Es selbst zu erleben scheint ja keine gute Möglichkeit zu sein. Andere zu fragen würde ebenso wenig nützen, weil diese es auch noch nicht erlebt haben. Von Geisteranrufungen, welche ja eine wunderbare Möglichkeit wären, einen Gestorbenen zu befragen, halte ich im Moment wenig, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teilnehmer sie bewusst manipuliert, hoch ist und ich noch keinen Geist gesehen oder gespürt habe. Personen, welche kurzzeitig Tod waren, könnten wir da schon mehr glauben schenken. Könnten ist nicht können. Der Tod ist in gewisser Weise eine Wand, durch die wir nicht schauen können. Vielleicht vergehen wir in der Non-Existenz. Vielleicht gibt es Himmel und Höhle, oder nur Himmel. Vielleicht irgendeine Form von Reinkarnation/Wiedergeburt. Vielleicht geht unser Bewusstsein in ein riesiges Bewusstsein ein. Ich vermute die Nonexistenz. Das Nichtexistieren ist an und für sich ein interessanter Zustand. Ich bin der Auffassung, dass wir uns diesen Zustand nicht vorstellen können. Unsere Vorstellungen beruhen ja auf Eindrücken und Erlebnissen, und gerade diese fehlen in der Non-Existenz. Das Nichtexistieren kennt weder Ruhe noch Unruhe, deswegen ist das tot-sein, falls es die Non-Existenz bedeutet, weder gut noch schlecht, sondern irrelevant (für den Toten). Aber weil wir schlussendlich nicht wissen, was das Totsein bedeutet, werde ich auch keine Worte mehr darüber verlieren. Nur noch dies: Totsein ist das Gegenteil von lebend sein.

Die Beurteilung, ob das Totsein gut oder schlecht sei, müssen wir aufschieben, bis wir wissen, wie sich dieses gestaltet. Bis dahin können wir das Sterben beurteilen.

Wenn ich mir meine Todesursache selbst aussuchen könnte, würde ich die längste und schmerzvollste Variante nehmen. Verbrennen, Ersticken, Erfrieren, Verbluten vielleicht. Diese Meinung widerspricht der normalen Hoffnung schmerzfrei und schnell zu sterben. Im eigenem Bett während des Schlafens zum Beispiel. Ich finde die Vorstellung mein Ableben nicht kommen zu sehen eher beängstigend. Gewaltsam aus dem Leben gerissen zu werden und dann bin ich tot. Viel schöner ist es doch das Ableben erwarten zu können und nochmal ein letztes Mal sein Leben zu betrachten und zu bewerten. Bin ich zufrieden mit dem was ich aus diesem Geschenk gemacht habe? Ich würde mich an Gutes und Schlechtes erinnern. Und dann wäre es vorbei. Aber das erklärt noch nicht mein Wunsch nach Qual. Nun einmal kündigt der Schmerz das Bevorstehende an, sodass ich überhaupt erst auf die Idee kommen kann, dass mein Ende mich schon erwartet. Aber größtenteils will ich eine letzte, riesige Unruhe bevor ich in die Non-Existenz oder etwas anderes danach eintrete. Denn in fast jeder Vorstellung des Tot-seins ist Schmerz nicht mehr oder weniger enthalten, soweit wir ein gutes Leben geführt haben. Nehmen wir einmal den christlichen Himmel, welcher über die Zeit immer einfachere Aufnahmebedingungen bekommen hat. Dort gibt es keinen Schmerz und alles soll wunderbar sein. Und je mehr wir unruhebringenden Schmerz kennen, desto freudiger werden wir doch ohne ihn sein. Und in der Non-Existenz ist eh alles egal.


Ist das Sterben jetzt Ruhe bringend oder Unruhe bringend? Ich finde das beide Antworten wahrscheinlich sind, je nachdem wer entscheidet. Das Sterben ist mit Verlust verbunden. Verlust von Macht, Möglichkeiten, Wahrnehmung usw. Aber immer ist das Sterben der Verlust des Lebens. Die meisten Menschen sehen das Sterben als etwas sehr negatives. Manche sogar als das schlimmstmögliches Ereignis ihres Lebens. Einige Wenige sehen dieses Ereignis hingegen als etwas positives: als Befreiung oder als neuen Lebensabschnitt (Wiedergeburt oder Himmel usw.). Selten führen Individuen dieses Ereignis bewusst selbst herbei. Das wird dann Freitod, Suizid oder Selbstmord genannt und darauf komme ich am Ende des Kapitel nochmal zusprechen.


Das Sterben ist meiner Meinung nach hauptsächlich relevant in zwei Konsequenzen. Erstens durch den Verlust unseres Bewusstseins und der Wahrnehmung. Wie schon in Kapitel 11 gesagt, bin ich der Auffassung das Bewusstsein gebunden ist an Materie und Energie. Wenn nun die Aktionspotenziale nicht mehr durch die Neuronen sausen, weil irgendein Teil unseres materiellen Körpers durch Schaden und Zerfall seine Funktion nicht mehr in einem lebensnotwendigen Maße erfüllen kann, dann folgt der Verlust unserer Macht über unsere Geschichte alias der Tod. Zweitens durch die Auswirkungen auf die noch Lebenden. Bis jetzt habe ich mir den Luxus erlaubt Sterben als Phänomen in Bezug eines Individuums zu betrachten. Aber wir leben nicht alleine, deswegen sterben wir nicht alleine. Unser Sterben wirkt sich auf andere aus. Tot sein bekommt Relevanz durch andere. Erst durch die Menschen, die wir kennen, bekommt sterben einen Sinn. Wenn wir unsere Geschichte sind, so verlieren wir durch unsere Geschichte auch uns. Meine Geschichte von mir wird sterben, während eure Geschichte von mir mich unsterblich machen kann, solange sie weiter erzählt wird. Sokrates ist tot, aber seine Geschichte lebt weiter, und so lebt er weiter, anders als zu seinen Lebzeiten, aber dennoch ist er irgendwie noch hier, genau wie alle anderen, deren wir ab und zu in ruhigen Momenten gedenken. Ich fühle mich nicht in der Lage viel mehr über dieses Thema zu sagen.

Wie angekündigt schließe ich das Kapitel mit Selbstmord. Ich denke jede Person hat die Freiheit zu entscheiden, ob sie weiter in dieser Welt leben will, in die sie ungefragt hineingeboren wurde. Ich halte diese Welt für lebenswert und liebe jede Empfindung in ihr. Aber ich verstehe, dass andere Menschen mit anderen Umgebungen andere Lebensumstände eine andere Zukunft haben. Ich möchte nicht verantwortlich sein für einen Selbstmord, deswegen würde ich mich gerne anbieten als Gesprächspartner, wenn jemand reden möchte. Ich mag tiefgehende Gespräche und wüsste nicht wieso ich in Zukunft keinen Freiraum dafür schaffen wollen würde. Ich weiß, dass das ein merkwürdiges Angebot ist, gerade weil einige Leser mich vielleicht gar nicht kennen und ich nicht weiß wo ich in ein paar Jahren sein werde. Trotzdem würde ich gerne das Angebot stellen.

Ich hab dieses Kapitel sehr trocken und locker angefangen und merke wie ich jetzt gegen Ende erst bemerke wie schwierig dieses Thema ist. Und dass ich mich Unwohl fühle, wenn ich meine irgendetwas darüber zu wissen. Ich musste noch nicht einen Tod einer nahestehenden Person erleben und habe auch noch nie einen toten Menschen außerhalb des Fernsehens gesehen.  


Zusammenfassung:

- Wir werden unser Leben verlieren.

- Wir werden unsere Geschichte verlieren.

- Wir werden uns verlieren.


Letzes Kapitel: Ein Wort danach