[14] Wann?

10.03.2019

Wann fange ich an dieses Kapitel zu schreiben? 21:30, So. 10. März 2019. Während ich schreibe warte ich, dass die Internetverbindung meines W-Lan Routers wieder funktioniert, sodass ich Kapitel Dreizehn veröffentlichen kann. Während ich schreibe tönt Indie-Musik aus den Lautsprechern meines Laptops. Während ich schreibe passiert mehr als ich weiß. Ein Sturm wütet vor meinem Fenster. Nicht in einer poetischen Weise, sondern tatsächlich. Ich hoffe, dass während ich jetzt und hier schreibe niemand durch einen gebrochenen Baum verletzt wird.

Zeit ist das Thema. Ich habe während meiner philosophischen Überlegungen immer mal wieder Erkenntnisse über Zeit gefunden und schreibe in diesem Kapitel, auf welches öfters mal verwiesen wird, über dieses Sammelsurium. Die erste Betrachtung der Zeit widme ich der Dreieinigkeit dieser. Ein schöner Einschub über Zeitreisen und danach wird alles zu Jetzt und nichts zu Niemals. Also über die Empfindung der Zeit werde ich schreiben. Anschließend ist die Zeit die Lösung aller Probleme. Oder doch der Auslöser dieser? Aus Interesse folgt eine kurze Historie der Zeitmessung und ihrer Methoden. Daraus folgt die Frage nach dem Anfang und dem Ende, oder ob es überhaupt diese gibt.


Zeit wird von uns sinnvoller Weise in drei Abschnitte gegliedert. Als konkretes Maß dieser wird ein Konzept benutzt, welches Gegenwart genannt wird. Alles was vor der sogenannten Gegenwart passiert ist, heißt Vergangenheit. Das Gegenteil bildet die Zukunft, welche Geschichten bringen wird, welche noch unbekannt sind. Vergangenheit und Zukunft werden an der Gegenwart festgemacht. Gegenwart ist die Mitte; der Körper. Die Gegenwart wahrhaftig zu beschreiben gelingt nur, wenn wir die Wandelbarkeit dieser begreifen. Die Gegenwart verändert konstant und unabdingbar ihr Gesicht. Gestern stehe ich noch in der Gegenwart auf einem 5 Meter hohen Hochsitz und Blicke im Nieselregen über Dörfer, Straßen und Felder. Jetzt ist die Gegenwart geprägt von schwarzen Buchstaben auf weißem Bildschirm während ich die Wärme meines Zimmers fühle und die Tippgeräusche einatme. Wie ein Chamäleon ändert sich dieses Antlitz. Einige Male blitzschnell, andere Male ist es eine geduldige und langatmige Transformation. Die Arten wie es sich wandelt sind mannigfaltig. Sie sind mehr als unsere Sinneswahrnehmungen, weil es sind auch die Interpretationen sowie die Erinnerungen und Zukunftsprognosen, welche unsere Sicht der Gegenwart ausmachen. Falls wir von der Komplexität der Realität und der Einzigartigkeit der Momente ausgehen, ist die Gegenwart niemals wie jemals zuvor. Die größte Annäherung an vergangene Momente stellt das Déjà-vu dar. Wenn man das Gefühl hat, genau das selbe sei schon mal geschehen. Aber sobald man diesen Gedanken hat, ist die Wahrnehmung des Moments schon wieder anders als damals. Zudem ist die Gegenwart nicht die eigene Wahrnehmung dieser, sondern:

Gegenwart (Definition): Ein Zeitraum, in dem alle Begebenheiten und Umstände geschehen.

Ist dieser Zeitraum nur ein Moment, oder länger und wie lange? Er ist lang genug, um ihn bewusst wahrzunehmen und ebenso lang genug, um nicht stillzustehen, sondern die Realität weiter zu drehen. Wie eine Fotografie, die einen Moment festhält, ist die Gegenwart nicht. Denn in der Betrachtung jener schreitet sie fort. Das heißt nicht, dass sie kein Moment sein kann. Eine Definition der Vergangenheit ist nun einfach und benötigt auf meiner Seite nicht nochmal zehn Minuten.

Vergangenheit (Definition): Ein Zeitraum, welcher alle schon geschehenen Begebenheiten und Umstände umfasst.

Die Vergangenheit liegt zeitlich vor der Gegenwart und drückt sich in im Jetzt in Form von Erinnerungen oder Objekte aus dieser aus. Noch genereller gesagt ist es immer Materie, welche zu vergangener Zeit beeinflusst wurde. Ob es die Neuron unseres plastischen Gehirns waren oder wir produktiv etwas Materielles erschaffen, hergestellt oder verändert haben. Nicht alles bleibt in der Gegenwart relevant oder erkennbar. Die Länge der Vergangenheit ist einfacher, aber genau zu bestimmen, unmöglich. Wahrscheinlich ist der Zeitraum so riesig, dass ein menschlicher Verstand die Quantität zwar numerisch festhalten könnte, aber die Qualität der Zeit unverstanden bleibt. Was ein Jahr qualitativ ist kann ich persönlich erahnen. Zehn vielleicht auch noch, aber bei 20 wird es bei mir schon kritisch, weil ich zu diesem Punkt in der Gegenwart erst 19.825 Jahre (7241 Tage) alt bin. Von diesen habe ich die ersten vier Jahre keine bewussten Erinnerungen und auch danach bis heute ist ein Erinnern aus der Vergangenheit eher die Ausnahme. Ich erinnere mich ohne die Lücken mit zu zählen vielleicht an eine zusammengenommene Zeitspanne von einem Jahr. Davon ist viel aus den letzten Jahren. Die Quantität meiner Erinnerungen betrachtet im Bezug auf die vergangene Zeit zwischen Gegenwart und der Erschaffung der Erinnerung ist ähnlich einer Asymptote (f(x)=1/x) sein. Wie alt die Zeit ist und wie lange der Anfang schon her ist, oder ob es überhaupt einen gibt, wird genau wie das Ende noch später betrachtet. Erst mal bleibt die Zukunft aus der Dreieinigkeit der Zeit noch unbeschrieben.

Zukunft (Definition): Der alle noch passierenden Begebenheiten und Umstände umschließende Zeitraum.

Zu den drei Definitionen möchte ich hinzufügen, dass von einem Zeitraum gesprochen wird, weil wir erstens lokale Positionen oder Einheiten instinktiv besser nachvollziehen können, als zeitliche und zweitens Zeit nicht mehr als Raum ist. Zudem benutze ich bewusst die Begriffe Begebenheiten und Umstände aus der Definition einer Geschichte.

Die Zukunft ist für uns Menschen sehr interessant. Ich will nicht zu viel über sie hier erzählen. Ein Axiom meiner zukunftsorientierten Überlegungen ist, dass wir nicht wissen können was passieren wird. Wir können glauben es zu wissen, oder mit logischen Argumenten oder Berechnungen oftmals richtig vermuten, was passiert. Gegenwarts-Robin vermutet, dass sich Zukunfts-Robin, welcher Lust auf Schokolade bekommt, Vergangenheits-Robin verfluchen wird, welcher gerade eben vor 2 Minuten von einer Konditiorin eine Edel Bitter Schokoladentafel (85%) erhalten hat, während er sich Wasser holen wollte. Die sind zwar gesund, aber nicht gerade das Genüsslichste.

Die Vergangenheit ist klar linear. Die Zukunft, wenn sie zu Vergangenheit wurde, wird auch linear sein. Davor sind ihre Ereignisse unbestimmt. Verschwommen, wie von Rauch, der das Wahre bedeckt und verdeckt. Die Zukunft steht sprichwörtlich in den Sternen. Viele verschiedene Wege sehen wir, bevor sie zur Gegenwart wird. Für uns als organisches Individuum endet vermutlich jeder Weg im Tod. Es gibt so unglaublich viele Wege wie sich unser Leben entwickeln und enden kann.

Ich wiederhole das Bild aus Kapitel 11:

Die Vergangenheit ist der Schwanz einer unsichtbare Schlange, die hier und da und immer mal wieder sichtbare Punkte und Bilder hat. Der Schwanz gehört zu einem ewig fortschreitendem, dicken, sich immer farbänderndem Chameleon. Es ist die Gegenwart und sieht nie gleich aus. Der Kopf ist aus Sternenstaub. Wabernd wiegen sich tausende unterschiedliche Hydraköpfe hin und her.

Jetzt gerade bereue ich ein Teil der Schokolade gegessen zu haben.


Ein eng mit Geschichten verwobenes Konzept, welches ich gerade vor diesem Abschnitt mir Angeschaut habe, ist Zeitreisen. ''12 Monkeys'' von Terry Gilliam. Ein Mensch aus der Zukunft reist in die Vergangenheit oder umgekehrt. Bei Ersterem wird oft versucht etwas zu ändern und bei Letzterem eröffnet sich dem Reisenden eine erstaunliche Welt mit neuen Erfindungen. Das Paradoxon zu Zeitreisen will ich hier nicht ausführen, obwohl die Lösung ziemlich einfach ist, wenn wir die einzige, physikalisch mögliche Möglichkeit für Zeitreisen erkennen. Zeitreisen sind physikalisch tatsächlich möglich ohne Magie und Fantasy. Nach meinem Verständnis von Zeit müssen wir, um in der Zeit zu reisen einfach alle kleinsten Teilchen und Energien auf die räumliche Position zurück bewegen, wo diese zu dem Zeitpunkt, zu dem wir reisen möchten, sich befand. Zudem müssen unsere momentane Teilchenanordnung an den Erscheinungsort, in dem keine anderen Teilchen vorhanden sind, unserer Wahl hinzufügen. Simple. Das ist eine Zeitreise. Um dann wieder zurück zum Ursprungszeitpunkt zu reisen, müssen wir einfach das selbe nochmal tun. Einfach die Zeit verstreichen zu lassen ist theoretisch keine Zeitreise, außer wir bezeichnen unser alltägliches Fortschreiten in der Zeit als Reise. Wenn wir nach unserer ersten Zeitreise warten, dann haben unsere Handlungen auch Konsequenzen. Zudem existieren dann zwei Individuen: das Original und der Reisende. Nicht so bei einer zweiten Zeitreise, bei welcher wir an unserem Ausgangsort wieder zusammengesetzt werden, aber nicht mit der Anordnung bevor dem Beginn der Reise, sondern die nach der Reise Geänderte, weil wir sonst keine Erinnerungen an die Reise haben werden. Zeitreisen sind ähnlich wie Wurmlochreisen, für welche wir mit Antimaterie umgehen müssten, im Moment sehr unmöglich, weil wir diese Macht noch nicht besitzen. Ich vermute, dass die Spezies Homo Sapiens nie die Macht über die genaue Anordnung und Bewegung von den kleinsten Teilchen besitzen wird. Das wäre jedoch schade, da wir dann wissen könnten, was der Kern der Realität ist. Auch wenn Zeitreisen noch lange oder immer nicht machbar bleiben, so sind sie für kausale Logikspielchen und interessante Spielfilme gut geeignet.


Gegenwart ist alles. Vergangenheit wird alles sein und Zukunft war alles. Alles was passiert, geschieht in der Gegenwart. Eine evidente Erkenntnis. Die Vergangenheit wie die Zukunft haben Einfluss auf die Gegenwart, aber alles was wir erleben, erleben wir im Jetzt. Wenn wir uns an etwas erinnern, dann tun wir das in der Gegenwart, auch wenn die Erinnerungen in der Vergangenheit geformt wurden, so ist es der Gedankengang der Gegenwart, welcher sie zugänglich macht. Der freie Wille und das Bewusstsein können nur in der Gegenwart existieren. Entscheidungen treffen wir auf Grund von vergangenen Erfahrungen und Zukunftsprognosen, aber immer nur in der Gegenwart. Vielleicht irre ich mich in diesem Punkt. So soll es Studien geben, welche belegen, dass wir schon bevor wir uns bewusst entschieden haben, unbewusst unsere Entscheidung versteht. Eine Entscheidung finden ist ein Prozess. Je folgenreicher die Konsequenzen meiner Handlung, desto länger versuche ich nachzudenken bevor ich die scheinbar bestmögliche Wahl treffe. Wie viel ich von meinem Unbewusstsein beeinflusst werde, weiß ich nicht. Auch eine unbewusst getroffene Entscheidung ist eine Entscheidung. Auch wenn wir in der Gegenwart diese unbewussten Prozesse und Entscheidungen nicht wahrnehmen können, sind sie gegenwärtig. Die Gegenwart ist das einzige Bild der Realität. Aber immer nur ein Bildausschnitt der Komplexität. Das sich dieses ständig verändert, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Die Komplexität entfaltet sich im Moment der Gegenwart. Im Moment ist deine Gegenwart geprägt von den Wörtern dieser Seite. Doch wie sah sie vor einer Stunde aus? Wie findest du die Gegenwart, in der du von einem Ort zum Nächsten reist und während der Bewegung nach links oder rechts blickst? Die Empfindung der Zeit beschränkt sich primär auf die gegenwärtige Situation und erweitert sich sekundär auf die Relation der quantitativen Erlebnisse in einem mesokosmischen Zeitraum. Das ist die komplizierte Weise, um auszudrücken, dass wenn mehr passiert und eine Ablenkung von der eher langweiligen Beschäftigung des auf-die-Uhr-schauen vorhanden ist, die Zeit schneller vergehen zu scheint. So ist Zeit subjektiv unterschiedlich in der Geschwindigkeit des Fortschreitens, auch wenn die Frequenz im Schwingquartz konstant bleibt. Das ist weniger relevant, als die Erkenntnis, dass nichts außerhalb der Gegenwart passieren kann. Es kann in der Vergangenheit passiert sein oder es wird in der Zukunft passieren, nur in der Gegenwart kann es passieren. Ziemlich evident. Die Zeitformen der Verben helfen beim Verstehen und bedingen das alles gegenwärtig sein muss, um zu geschehen.


Jeder Konflikt wird mit der fortschreitenden Zeit gelöst. In Kapitel 5 habe ich fünf Sätze über diese Erkenntnis geschrieben. Pregnant und auf den Punkt gebracht. Im Alltag lösen sich Probleme, falls wir sie nicht lösen, mit der Zeit. Du stehst an einer roten Ampel. Die Zeit lässt das Problem verschwinden. Die Kunst ist Geduld. Je nachdem wie der Konflikt sich manifestiert, dauert die Lösung durch verstreichende Zeit länger oder kürzer. Ein Problem mit der Tätigkeit Warten zu haben, macht die Situation meist schlechter. Die Ursache des Problems mit dem Warten könnte sein, dass wir uns nicht selbst aushalten. Die Stille als etwas schreckliches begreifen und uns die Richtung, welche die eigenen Gedankengänge nehmen, laut unserer ersten Betrachtung nicht wohltun. Gerade die Auswirkungen der Konflikte, die wir nicht zu lösen im Stande sind, können wir nur mindern durch Warten, Akzeptanz und Geduld. Diese drei Handlungen sind etwas aktives und nicht als etwas Passives und Resignatives zu verstehen. Passivität drückt sich durch unbewusste Ablenkung vom Konflikt aus. Eine weitere aktive und vorteilhafte Handlung ist das Lösen des Konfliktes. Diese Herangehensweise ist meist schneller, falls die Komplexität des Konfliktes niedrig genug ist, sodass unsere Macht zum Lösen reicht. Beider Ziel ist die langfristigere Ruhe. Auch mit Ablenkung streben wir nach Ruhe, aber sie kann nur kurzfristig garantiert werden.

Bei der schematischen Betrachtung von Konflikten und der Erkenntnis des B-K-B' -Prinzips wird nicht nur nochmal deutlich, dass die Dimension der Zeit nicht nur alle Konflikte löst, sondern auch das sie alle Konflikte und Probleme erst ermöglicht. In dem Kapitel über die Notwendigkeit von Konflikt habe ich erstmal betrachtet wie zentral die Bewegung ist. Aber noch nicht erkannt, dass für Bewegung immer Zeit notwendig ist. Bewegung ist die Distanz pro Zeit. Anders ausgedrückt: die Verschiebung eines Punktes in einem dreidimensionalem kartesischen Koordinatensystem durch einen Richtungsvektor, wessen Länge abhängig ist von der zeitlichen Länge und der Geschwindigkeit der Verschiebung, falls das Sinn ergibt. Aus meiner Perspektive ist Zeit die vierte Dimension der Realität. Drei Dimensionen sind nur ein Bild, während alle Vier ein Film sind. Ich will hier nicht über Dimensionen und wie viele und mehr als 11 oder so reden, sondern erst einmal festhalten, dass der Ort einer Begebenheit oder eines Ereignis genauso wichtig wie die Zeit dieser ist. Das B-K-B' -Prinzip beschreibt einen Zyklus. Im Moment lese ich Auszüge aus ''Das Kapital'' von Marx. Die Struktur des Kapitalismus ließe sich erfassen mit der Formel G-W-G'. Geld wird durch Tausch zu Ware und schließlich wieder zu Geld, zuzüglich des Mehrwerts. Was den Ablauf von Konflikten betrifft, lässt sich eine formgleiche Formel formulieren. Bewegung, welche immerwährend unserer Betrachtungen anwesend ist, sei es noch so mikrokosmisch, langsam und unerfassbar, wird zu Konflikt, was immer wiederkehrend geschieht. Dabei treffen Objekte, welche sich mit Richtung und Geschwindigkeit bewegen, aufeinander und entladen Kraftwirkungen auf einander, sodass sich ihre Bewegungen (ausgedrückt in Richtung und Geschwindigkeit) ändern. Danach sind die Objekte wieder in Bewegung, nur die Richtung und/oder Geschwindigkeit ändert sich von mindestens einem Objekt.

Objekte bewegen sich.

Objekte treffen auf einander (Konflikt), ändern ihre Bewegung(Lösung des Konflikts).

Objekte bewegen sich.

Bewegung - Konflikt - Bewegung'. Die geänderte Bewegung ist nicht gleich ihrer vorherigen Bewegung. Bewegung ist eine Notwendigkeit für Konflikte. Auch wenn wir Zeit nicht wahrnehmen ist sie, solange Bewegung da ist, stets anwesend. Ich leite damit über in mein nächstes Unterthema in diesem (für dieses Buch ungewöhnlich gut strukturiersten) Kapitel.

Zeit existierte schon immer, weil immer ein Wort ist, mit dem wir eine spezifische Zeitspanne ausdrücken. Die alles umfassende Zeitspanne; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Es kann nichts passieren, wenn keine Zeit existiert, weil alles nur in der Gegenwart passieren kann. Und trotzdem. Trotzdem ist Zeit messen und quantifizieren durch komplexe Werkzeuge ein Ding der industrialisierten Welt. Angefangen in der Antike mit Sonnenuhren, Wasseruhren oder Sanduhren war nun nicht mehr nur die Jahreszeit oder Tageszeit im Bewusstsein der Menschen. Die Räderuhr, welche im 13. Jahrhundert erfunden und circa 1500 durch eine gespannte Metallfeder modifiziert wurde, erhöhte abermals die zuverlässige Einteilung der Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden. Durch weitere Innovationen (wie zum Beispiel die Benutzung von Stromimpulsen, Elektromagneten oder die Eigenschwingung von Atomen) wurde die Zeitmessung genauer und gleichzeitig für mehr Menschen zugänglich wie relevant. Eine Sekunde Abweichung in 300000 Jahren ist erstaunlich und durch Atomuhren möglich.

300000. Dreihundertausend. Dreihundertausend Jahre. Eine Menge. In 300000 Jahren wird eine Atomuhr eine Sekunde falschgehen. Was passiert in genau 300000 Jahren und einer Sekunde? Was hat vor 300000 Jahren und einer Sekunde stattgefunden? Damals fingen Manche der Gattung Homo an Feuer täglich zu gebrauchen. In 300000 Jahren werden wir vielleicht nicht mehr existieren. Selbst wenn wir dieses Universum nicht mehr beobachten können, so wird doch noch Bewegung da sein. Und solange Bewegung vorhanden ist, ist auch Zeit vorhanden. Folglich muss der Beginn der Zeit der Beginn der Bewegung sein und umgekehrt das Ende der Zeit das Ende der Bewegung. Ich verstecke inmitten dieser Zeilen die wichtige Erkenntnis, dass Zeit nichts anderes als Bewegung ist. Ohne Bewegung existiert keine Zeit, somit ist Zeit abhängig von Bewegung. Aber gibt es überhaupt ein Ende der Bewegung? Bewegung entsteht durch Materie und Anziehung oder deren Gegenteil, welche wiederum einer Energie oder Kraft der Materie zu Grunde liegen. Mögliche Enden könnte die Nonexistenz von Energie, Materie oder Wechselwirkungen zwischen diesen sein. Das Universum als leere, weite Wüste oder als nie schmelzender Eisblock. Der Anfang ist schwieriger. Der Vorgang welcher aus bewegter Masse unbewegte, zeitlose Masse macht, scheint mir deutlich logischer. War die Masse schon vor Beginn der Bewegung dar? Laut allgemeinem Verständnis der Urknalltheorie (welche nicht besagt, dass der Urknall der Anfang von allem war) war alle Materie auf einen winzigen Ort zusammen. Durch irgendeinen Impuls began die Masse zu expandieren. Die Atome stießen sich von einander ab. Gerieten in Bewegung und kollidierten. Ein Impuls ist zentral für jeden Anfang. Ein Impuls ist die erste Ursache für alles. Wie könnte die Gesamtheit der unbewegten Materie Bewegung erlangen? Klar: durch Energie und Anziehungskraft und deren Gegenteil. Aber woher kommt diese, welche das Wesen des ersten Impulses ist und heute in jedem bekannten Teilchen innewohnt? Die einzige Erklärung, die mir wahrscheinlich erscheint, ist die Annahme einer transmateriellen und transtemporalen Macht, welche die Materie und deren (physikalischen, chemischen, biologischen und so weiter und so fort) Eigenschaften sowie die Naturgesetze erschuf. Diese Macht erschuf sich selbst, obwohl es als logisch unmöglich erscheint, dass aus Nichts Etwas entstehen kann. Dieses Macht hat wahrscheinlich kein Bewusstsein. Auch sehe ich nicht, dass es eine Agenda besitzt. Und manch einer wird meinen, dass wenn es einen transmateriellen Urgrund gebe, man einfach alles Unschlüssige mit diesem erklären sollte. Das man es Gott oder Götter nennen sollte. Ihnen oder ihm noch eine kulturangepasste Persönlichkeit wie einem berühmten Menschen verpassen sollte und ihm ein Ziel gibt. Ich bin agnostischer Deist. Ich weiß nicht, ob ein transzendales Wesen existiert, doch ich halte diese Schöpfungsmacht für sehr wahrscheinlich und glaube deswegen an einen übernatürliches Wesen der Schöpfung ohne Bewusstsein und Ziele. Die Frage nach dem Ende der Zeit kann logisch begründet werden, während die Frage nach dem Anfang in Spekulationen und Glauben endet. Über Agnostizismus, Atheismus, Deismus, Dualismus, Monotheismus, Pantheismus, Polytheismus, Theismus und die einzig wahren Glauben schreibe ich in einem anderen Kapitel. Nun von Gott zu etwas Relevantem.

Genauer: die Relevanz von Zeit im Alltag. Ich sollte im Moment wahrscheinlich mich über die Universitätsseite zu meinen Vorlesungen und Seminaren für dieses schon begonnene Sommersemester anmelden. Bis morgen 13 Uhr habe ich Zeit dafür. Aber als ich gerade mich an meinem Laptop in meinem lang nicht mehr gesehenen Zimmer gesetzt habe, um diese Aufgabe motiviert und engagiert anzugehen, kam mir die Erinnerung von heute, welche sehr relevant für meine Ansicht über den Umgang mit Zeit im alltäglichen Leben ist. Nach der Einführungsveranstaltung meines Kernfachs habe ich anscheinend mein Telefon im Raum liegen gelassen. Das habe ich auch nach 5 Minuten gemerkt. Dumm nur, dass ich zuerst in dem davorigen Raum nachgeschaute habe. Eine Freundin, welche an einem Improvisationstheaterstand saß, schrieb mir auf wo das Fundbüro zu finden sei. Ich ging weiter. Nun hatte ich die Option nochmal zu dem Raum, in dem ich noch nicht nachgeschaut habe, zu schauen oder direkt zum Fundbüro zu laufen. Ich bin ruhig. Ich atme tief und gelassen. Ich laufe zum Seminarraum. Wenn es dar nicht ist, dann habe ich noch eine kleine Hoffnung mit dem Büro. Im Raum ist es nicht mehr. Ich zucke mit den Schulter. Last Chance, denke ich, während ich mich wieder aus dem Gebäude mache auf dem Weg zum Fundbüro. Ich komme an einer Kreuzung vorbei. Ich bin schon über sie gelaufen als mich von hinten schräg eine Gruppe fragt. Sie erkennen mich und haben mein Telefon. Zehn Sekunden schneller aus dem Raum, schneller über die Kreuzung oder generell ein anderer Pfad und mein Problem hätte sich nicht gelöst. Wie unwahrscheinlich. Ich bin dankbar und schließe mich ihnen zum Ersti Frühstück an. Probleme lösen sich mit der Zeit. Ich war mir sicher, dass wenn ich mich richtig verhalte, ruhig bleibe, keine Panik schiebe und warte, wird das Problem sich schon lösen. Das soll keine Entschuldigung für Passivität werden, sondern eher eine weitreichende Entspannung bewirken.

Die Geisteshaltung, alles passiere in der Gegenwart, legt unseren Fokus des Erlebens ins Jetzt. Mir immer mal wieder bewusst zu werden, dass es gerade mal wieder die Gegenwart ist und das Chamäleon anders als vorher aussieht, erfreut mich. Auch akzeptiere ich jeden Moment, der mir nicht gefällt leichter, weil ich glaube, dass viele Momente im Leben weit von dem angestrebten Zuständen weg sind und die Gegenwart nun mal gerade so ist. Für den tugendhaften Umgang mit Zeit ist hingegen die Zukunft wichtig. Langfristigkeit, der Kern jeder Tugend, ist auf Zukunft ausgerichtet. So ist das Abschätzen der Kausalität bis und in der Zukunft eine gute Kunst. Die Zukunft ist änderbar und dann wunderbar. Der Umgang mit Vergangenheit ist für uns geprägt von der Statik des Vergangenen. Was passiert ist, wird nicht anders passieren können. Es ist nicht relevant dafür, ob das Ereignis zufällig, kausal oder durch übersinnliche Mächte so eingetreten ist. Relevant ist zu akzeptieren, dass es nicht anders passiert ist und die Konsequenzen folgen werden. Der Umgang mir den Konsequenzen in der Gegenwart kann in der Zukunft bessere Folgen zur Folge haben. Die Gegenwart gewinnt an Bedeutung, da sie der einzige zeitliche Raum ist, indem wir unsere Macht einsetzen und uns mit unserem freien Willen entscheiden können. Genau jetzt kannst du Sport machen, Meditieren und so weiter. In der Gegenwart ist es nicht leicht, aber möglich.

Die Zeit geht weiter. Egal was du tust oder wie du dich entscheidest. Sie löst alle deine Probleme und gibt dir Neue. Und irgendwann ermordet sie dich. Die Zeit ist dein Ende. Aber bis dahin kannst du dich entscheiden, handeln, denken und wahrnehmen. Ruhe suchen, finden und verlieren. Carpe Diem!


Zusammenfassung:

- Chamäleon mit Hydraköpfen und Schlangenschwanz.

- In der Gegenwart passiert alles.

- Mach was aus deiner Zeit.


Nächstes Kapitel: Der Mensch