[13] Die Macht nach der Wir streben

10.03.2019

In diesem Kapitel wird es über Macht gehen. Über Geschichten und natürlich über die Macht von Geschichten. Die Frage nach der eigenen Identität wird beantwortet und ein skeptischer Blick auf unsere Fiktionen geworfen. Es gibt viele Theorie über Geschichten. Wie sie funktionieren und wie sie uns ändern. Dieses Kapitel ist meine Theorie.

Etwas zu ändern benötigt immer Macht. Macht ist grundlegend nichts anderes als die Möglichkeiten etwas zu machen.

Es gibt wenig was der Mensch öfter macht als Geschichten. Und es gibt noch weniger was uns mehr macht als Geschichten.

Geschichten können zudem unsere Sicht auf unsere Realität ändern oder uns in einen von uns Menschen erschaffenen Teil der Realität gehen lassen. Diese Macht gegenüber unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit ist genauso beachtlich wie der Einfluss auf unsere Gefühle und unsere Moral.

Mir stellt sich die Frage, wie viel wir eigentlich mit Geschichten erreichen können. Vielleicht nichts ohne sie? Wo sind überall Geschichten? Jedes Buch enthält eine Geschichte und jeder Zeitungsartikel. Jede Fernsehshow, jede Rede, jedes Fußballspiel, jeder Wettkampf, jedes Gebäude, jedes Dorf, jeder Staat und jede Nation, jedes Tier, jeder Planet, jedes Gespräch, jeder Mensch enthält Geschichten. Erinnerungen oder Fiktion, real oder erfunden. Geschichten sind allgegenwärtig. Unbewusst wiederholst und erneuerst du dir konstant die Geschichte deines Lebens und deiner Identität.

Wer bin ich? - Ich bin die Geschichte, die ich mir erzähle - Bin ich nur was ich mir erzähle? - Nein, Ich bin auch die Geschichte die mir Andere erzählen - Ist es eine schöne Geschichte? - ...Vielleicht

Mit Geschichten vermitteln wir Wissen. Unser Wissen ist eine Geschichte. Geschichten erklären und klären wie die Welt zu sein scheint. ''Warum ist alles eine Geschichte?'' ist eine interessante Fragen, welche beantwortet wird mit: ''Was ist eine Geschichte?''


Geschichte (Definition): Aufeinanderfolgende Ereignisse und Begebenheiten.

Jede Kausalität ist eine Geschichte.

Ein weitgefasster und reduzierter Begriff von Geschichten. Wie in Kapitel 3 erkannt, ist Sprache linear und wie im Kapitel über Zeit beschrieben wird, ist Zeit ebenso linear. Somit ist es fast unmöglich keine Geschichte zu erzählen. Auch wenn die Geschichten ganz unterschiedliche Sprachen benutzen und ich im weiteren Kapitel eher Geschichten mit unserer alltäglichen, gesprochener Sprache meine. Trotzdem ist eine mathematische Rechnung ebenso eine Geschichte wie die Auflistung der finanziellen Einnahmen. So haben religiöse Geschichten oft wiederkehrende Symbole. Die Physik bedient sich immer Zeichen, Zahlen und einzelnen Buchstaben.

Meine Jogginghose trägt die Geschichte der Produktionsschritte und des Transportweges in sich in einer Sprache, welche ich nicht decodieren kann. Vielleicht eine spannende Geschichte über Ungerechtigkeit und stiller Rebellion in der Textilfabrik. Vielleicht eine schöne Geschichte über Gelassenheit und Bewegungsfreiheit. Wahrscheinlich eine langweilige Geschichte über die Stupidität von Fabrikarbeit und einer täglich Murmeltier-grüßenden Routine. Materie trägt eine Abfolge von Ereignissen und Begebenheiten in sich. Ausgrabungsstücke können Experten auf ihr Alter untersuchen. Hier und da verrät der Gegenstand auch viel von dem, was ihm begegnet ist.


Die Geschichte, welche ich in diesem Buch schreibe, ist eine Geschichte der Suche und des Findens. Eine Geschichte über Sinn und Relevanz. Über Ruhe und Macht. Über Mich und Dich und die Tatsache, dass wir weniger wissen als wir wollen. Eine komplizierte und doch schöne Geschichte.

Die Geschichte der Menschen ist eine Geschichte von Macht und Intelligenz gegen den Zufall und die Komplexität des Universums, um Ruhe zu erlangen, zu behalten, zu verbreiten und immer wieder zu verlieren. Eine Geschichte von Kooperation und Vereinigung. Eine Geschichte von Überleben über Erhaltung bis zum Wachstum.


Die Geschichten haben eine unglaubliche Macht. Ob wir zum Sterben im Krieg bereit sind, weil ein heiliges Buch mit wunderbepackten Geschichten über einen großen Molo-molo uns beeinflusst oder wir uns hölzerne baguettes magiques im Internet bestellen, weil ein benarbter Brillenträger eine Sonderschule besucht hat.

Politik funktioniert primär über Geschichten. Die Reden der Politiker sind voll mit Geschichten und Zukunftsvisionen. ''Wenn wir das machen, dann sieht die Zukunft so und so aus''. Politik ist eine Expression von Macht. Mit Macht können wir Ruhe erreichen, aber auch anderen Ruhe nehmen. Das ist ein Weg wie Geschichten uns Ruhe schafft. Aber auch andere Ruheursachen können durch Geschichten stimuliert werden. Komödien bringen uns zum Lachen. Wir fühlen uns glücklich und werden ausgelassener und ruhiger. Auch Geschichten des Wachstums beruhigen uns. Der Protagonist entfernt sich aus seiner vertrauten Umgebung, begegnet Konflikten, wächst an den Herausforderungen und siegt. Wir erfahren eine Befriedigung durch den gelungenen Kampf des Protagonisten. Die Geschichte zeigt, dass sich die Mühe lohnt. Allein dieses Gefühl gibt uns Zuversicht und Sicherheit, somit auch Ruhe. Auch philosophische Ideen und Erkenntnisse finden vermehrt ihren Weg in unsere Geschichten..

Selbst Bedürfnisbefriedigung steht in der Macht der Geschichten, falls du mit mir konform gehst, dass Menschen ein Bedürfnis für das Hören und Erschaffen von Geschichten haben, was ich weitergehend sogar als antropologische Konstante bezeichnen würde.

Eine weitere Ursache des Zustands der Ruhesynonyme war schon immer Sicherheit. Und spätestens seit der kognitiven Revolution (ca. 70000 Jahre vor Heute) erfinden wir Geschichten, um uns das Wesen der Realität zu erklären. Von dem 3. potenziellen Kern (Gott/ Göttin/ Götter) gibt es eine Vielzahl von archäologischen Fundstücken. Eine transzendentale Kraft in wirklich erstaunlich kreativen und vielen Formen festgehalten. Gott ist ein wunderbarer Weg sich die Kausalität, den Zufall und insgesamt alle möglichen Phänomene unserer Realität zu erklären. Gestern stand ich zufällig am Staatstheater Mainz (es war Kostümverkauf) in einer zweistündigen Warteschlange hinter einem Sektenführer mit 10 seiner Anhänger und/ oder Familienmitglieder. Mein neugieriger, hinterfragender Geist hatte ein sehr interessantes Gespräch. Dieser 70 jährige Philosoph, ein erstaunlicher Mann mit spannenden Geschichten und Erlebnissen, breitete vor mir etwas aus, was ich mit dem Begriff Logikgeflecht betiteln möchte. Ich betrachtete zunehmend ein System, eine Vernetzung von Gründen und Begründungen. Eine Weltsicht öffnete sich mir. Nach diesem intensiven Gespräch bereitet mir mein Unvermögen die Schwachstelle, die unbewusste Lüge dieses Logikgeflechtes, identifizieren zu können Unruhe. Aber meine Unruhe ist selbstverständlich. In diesem Gewebe des pensioniertem Doktors der Religionsphilosophie eine Stelle zu finden, welche von diesem Mann noch nicht überprüft und gerechtfertigt worden ist, ist tendenziell unwahrscheinlich; gerade wenn Gott und die findbare, universelle Wahrheit als Axiome alle Unlogik entschuldigen und in Sinn umwandeln zu versucht. Wenn wir uns sicher sind, dass wir alles wissen, aufgrund einer immerwieder wiedergekeuten Weltsicht, dann entfällt die Motivation für die unentspannte aber lohnende Suche.

So ist sind meine Theorien vielleicht nur aus dem Bedürfnis für Ruhe entstanden. Meine Geschichte, welche ich in diesem Buch festhalte, ist auch ein Logikgeflecht. Es soll keinen apodiktischen, arroganten, ultimativen und absoluten Wahrheitsanspruch haben. Diese Geschichte muss nicht wahrhaftig sein. Die Theorie der Ruhe ist nur eine Theorie. Ich bin mir nicht sicher meiner Wahrheit. Wahrheit ist für mich das Wahrscheinlichste. So stand es sinngemäß schon am Anfang des Buches.

Ich will mit dem Beispiel seiner esoterischen Weltsicht, die ich im Detail hier gar nicht ausführen will, weil sie mich zu stark an eine Verschwörungstheorie erinnert, auch verdeutlichen, dass wir Menschen, wenn wir uns zu oft und zu ernst immer und immer wieder die selbe Geschichte erzählen in eine utopische Sicherheit über diese und ihrer kosmischen Wahrheit krachen und kriechen. Unsere Weltsicht gibt uns Selbstbewusstsein und Sicherheit, somit auch Ruhe. Wir glauben so fest an sie, weil dem Verlust dieser Sicherheit auch kurzfristiger Verlust von Ruhe folgt.


Die Macht der Geschichten ist folglich enorm und relevant für unser Ruheschaffen.

Geschichten zu kennen, wiedergeben zu können, sie zu instrumentalisieren bringt Macht mit sich. Ziel der Macht und der Geschichten soll langfristige Ruhe sein. Sich zu erzählen, dass andere Menschen nur böse sind und dir schaden wollen, ist gesundheitlich schädlich. Dazu gibt es psychologische und medizinische Studien.

Eine weitere Voraussetzung für eine mächtige Geschichte ist, dass mehr Menschen daran glauben. Eine Geschichte, welche nur eine Person glaubt, wird die Gesellschaft wenig beeinflussen. Ein Christentum mit Millionen Anhängern dagegen ändert leicht mehr als tausend Jahre europäische Geschichte. Noch mächtiger ist sicher der Mythos des Geldes. Diese Geschichte, welche so oft erzählt wird, dass wir kaum eine andere Wahl haben als sie zu glauben, erklärt wertlose Objekte zur universellen, zwischenmenschlichen Macht. Mit Geld können wir das Verhalten anderer Menschen kurzfristig ändern. Wir bezahlen Geld an Bauern, damit diese mehr Saat ausstreuen und uns etwas abgeben. Geld ist, wenn ich das einfach mal so behaupten darf, die meist erzählte und geglaubte Geschichte der Welt. Sekten habe dagegen ''nette'' Geschichten, welche unglaubwürdig bleiben. Wenige lassen sich zu ihnen überzeugen. Auch bekommen einige und gerade solche Geschichten keine Plattform, um sich verbreiten zu lassen. Somit wären wir bei dem Punkt, dass die Menschen, welche beeinflussen, welche Geschichten wir auf welche Art hören, viel Macht - aber eine andere Macht als die Geschichten - haben. Die Macht der Medien ist ihr Auffassen und Wiedergeben ausgewählter Geschichten. Auch die Schule ist eine mächtige Institution. Kinder und Jugendliche, welche durch ihr Alter bedingt weniger Geschichten gehört haben und durch noch nicht immer wieder wiederholtes Zuhören der selben Geschichten eine potenziell höhere Formbarkeit ihrer Geisteshaltungen besitzen, können durch die Geschichtenerzähler des Schulsystems meist besser beeinflusst werden als Erwachsene. Solange Lehrer ihre Macht durch Geschichten auf ihre Jünglinge tugendhaft und mit dem Ziel einer friedvollen (und deswegen chancengleichen) Gesellschaft einsetzen, finde ich das gut. Aber wenn der einzige Weg eine Kultur zu mehr Eintracht zu bewegen nur die tugendhafte Erziehung der Jugend wäre, würde ich Pädagoge werden. Ich glaube, dass auch bei Erwachsenen eine positive, tiefgehende Veränderung stattfinden kann.

Ich erzähle mir die Geschichte von Menschen, welche sich zum Guten ändern können und werden, und deren Welt. Diese Geschichte motiviert mich an diesem Abend um 11:34 Uhr dieses Buch weiter zu schreiben, anstatt mich immer weiter in eine menschgemachte Realität aus Videospielen und Netflix zu stürzen. Eine Geschichte, welche uns involviert. Uns zu Agierenden macht, die andere Menschen und nicht nur die neue Generation ändern können.

Aber eine Geschichte zu erzählen nützt uns erst, wenn wir wissen wie sie uns nützt. Wir müssen das Ziel unseres Erzählens kennen, damit wir richtig erzählen. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir erzählen. Wir sollten lernen wie wir erzählen können. Wir sollten nicht Lügen. Eine entdeckte Lüge zerstört die Glaubwürdigkeit einer Geschichte und eine nicht geglaubte Geschichte hat keinen Einfluss. Und ob eine Lüge entdeckt wird, steht außerhalb unserer Kontrolle. Deshalb ist Lügen in den meisten Fällen riskant und unerstrebenswert. Lege keine Augenbinde auf dein Haupt während du Flugzeuge fliegst. Nachteilhafte Zufälle zu begünstigen wird kein schöner Weg sein. Wir sollten umgekehrt auch prüfen, ob die erzählten Geschichten wahrhaftig und ehrlich sind, und ob sie Uns und Anderen langfristig Ruhe gibt. Wenn beides zutrifft so dürfen wir mit ruhigem Gewissen an diese glauben, immer bereit sie zu hinterfragen und immer mit der Geisteshaltung, dass die Geschichte nicht der Wahrheit der realen Realität , sondern einer künstlich Erschaffenen entsprechen könnte.


Zusammenfassung:

- Geschichten sind Alles.

- Geschichten sind eine Form von Macht.

- Geschichten ändern die Geschichte.


Nächstes Kapitel: Wann?