[11] Die Rettung des Subjekts

02.01.2019

 Haben wir einen freien Willen?

Das Problem an der Frage ist nicht der Wille, weil den haben wir. Wir wollen Dies oder Das, leben oder sterben. Das Problem ist das Freie.


Aber was sind diese Grenzen und Abhängigkeiten? Gewisse Abhängigkeiten entstehen und bestehen durch Naturgesetze und das Wesen von Lebewesen immer. Die Bewegung eines Objektes ist abhängig von der Kraft. Wie auch Geschwindigkeit oder ein Aufprall davon abhängig ist. Der Ausdruck meines Bewusstseins ist an Materie und Energie gebunden. Und der Gedanke liegt nahe: Wenn unser Bewusstsein abhängig ist von Materie und Naturgesetzen und verantwortlich ist für den freien Willen, dann sei unser Wille nicht frei.


Zuerst sollten wir auf der gleichen Seite sein, was die Bedeutung der Begriffe betrifft. Der Determinismus beschreibt eine Sicht der Welt, welche annimmt, dass es eine festgelegte, unabänderliche Kausalkette gibt. Durch diese Art der Kausalität wäre jedes kommende Ereignis schon in dem Beginn der Bewegung und Zeit schon vorherbestimmt und unabänderlich. Es ist eine starke Position mit guten Argumenten, aber es fehlt dem Determinismus an etwas. Unsere Erfahrung frei entscheiden und frei handeln zu können. Im Moment ist der Kern der Realität nicht empirisch beweisbar. Einige vermuten das Universum als durch Naturgesetze determiniert. Andere vermuten zufälligen Ereignissen auf der Ebene der Quanten gibt. Und selbst wenn es keine Zufälle gäbe, dann wenigstens Singularität.

Unser Bewusstsein von uns ist schon etwas uneindeutiger. Wir sind uns uns bewusst. Ein Problem mit Bewusstsein ist, dass es Realität ist, aber es trotzdem schwer nachgewiesen werden kann. Hat eine Ameise ein Bewusstsein? Oder eine Koralle? Wahrscheinlich nicht, unwahrscheinlich schon, aber wie sollen wir das wissen? Aber was ist mit Schweinen, die wissenschaftlich bewiesen auch Gefühle und psychologische, soziale Bedürfnisse haben? Wohl eher sollte ich Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans, Gorillas oder Rhesusaffen als Beispiel nennen, diese bestehen regelmäßig den Spiegeltest. Zudem sind sie uns biologisch ziemlich nah verwandt. Aber ist der Spiegeltest ein Beweis für Bewusstsein? Haben sie ein Bewusstsein?

Um es mir einfach zu machen, definiere ich Bewusstsein anders als gewöhnlich.


Bewusstsein (Definition): Die Fähigkeit eigene Gedanken, eigene Existenz und die Konsequenzen eigenem Verhaltens aktiv zu betrachten und zu reflektieren.


Um es mir noch mal einfacher zu machen, nehme ich an nur der Genus Homo habe ein Bewusstsein, was sich in dem Verhalten an fiktive Geschichten und Konzepte - wissend ,dass sie imaginär sind - glauben zu können, widerspiegelt. Kein anderes Tier tauscht Objekte, welches wir weder essen, trinken noch anziehen können, gegen etwas praktisches, wie Essen usw.

Bewusstsein ist essentiell für einen freien Willen. Wenn wir keine Möglichkeit haben unser Handeln und Wollen zu betrachten und uns deren Konsequenzen vor Augen zu führen, dann tragen wir keine Verantwortung und sind frei von Schuld und Sünde. Wir haben das getan, was schon von Anfang an determiniert war zu passieren.

Und der letzte Begriff, welchen noch zu klären ist, ist natürlich der freie Wille.


Der Wille in diesem Kontext soll das Antriebspotential und Dezisionsvermögen meinen. Nun aber von was ist der Wille frei? Ich denke, viele die darüber nachdenken, pausieren nicht, um diese wichtige Frage zu beantworten. Ein freier Wille ist erstrebenswert, weil Freiheit eine Tugend ist und Tugenden sehr ruheschaffend und langfristig sind. Freiheit hat viele Wege beschrieben zu werden, aber vielleicht trifft es dies auf den Punkt: Freiheit ist Selbstgesetzgebung (Autonomie), die Selbstgenügsamkeit (Autarkie), sein Wollen anders wollen zu können, die Möglichkeit sich selbst zu bewegen. Freiheit die Macht sich selbst zu machen.

Die Lösung des Problems ist, welche ich nun ganz unerhört vorwegnehmen: Es kommt auf unsere Definition der Unabhängigkeit unseres Willens an. Ist der Willen unabhängig von Trieben oder Emotionen, von anderen Menschen oder Logik, vielleicht von der Umwelt?


Die Triebe, Dränge, Bedürfnisse und Instinkte. Ob wir davon frei sein können ist ein Versuch. Die Meisten wissen von den Vorteilen, die wir bekommen, wenn wir aufhören nur unseren Trieben nach zurennen. Von den Einflüssen der Triebe können wir frei sein. Es gab Menschen, die haben sich selbst verhungern lassen oder keinen Orgasmus vor der Ehe herbeigeführt. Ein Mensch existierte mal freiwillig 64 Stunden in einem Eisblock. Die Triebe sind dennoch noch da, ihr Einfluss ist jedoch schwächer. Also keine absolute Freiheit, aber ein freier Handlungsspielraum. Wir können unser Verhalten nicht frei von Trieben und Drängen entscheiden, durchaus aber frei von deren Einflüssen. Einige Bedürfnisse sollten für die Tugend der Gesundheit erfüllt werden. Wir können unser Verhalten nicht frei von Trieben und Drängen entscheiden, durchaus aber frei von deren Einflüsse.


Andere Menschen. Ich finde es bemerkenswert, dass wir selten von anderen Menschen frei sind. Neugeborene ohne Kontakt zu Menschen in einer perfekt regulierten Umgebung wachsen nicht. Sie sterben. Der Mensch hat wenig Motivation zu leben, wenn er ganz allein ist. Er verliert seine Relevanz für Andere. Aristoteles beschrieb den Menschen als staatenbildendes Tier. Die kleinste Form eines Staates ist die Familie. Unsere Eltern setzen uns in diese Welt, ernähren und beschützen uns (im Idealfall). Sobald wir können arbeiten wir für sie. Wobei hier die Arbeit nichts destruktives ist, sondern eine Symbiose(im Idealfall). Der Mensch wird nicht ohne andere Menschen langfristig sein. Egoismus ist Altruismus und Altruismus ist Egoismus. Wir helfen, damit uns geholfen wird. Wir helfen uns, um anderen zu helfen. Wir können erst langfristig ruhig werden, wenn wir gelernt haben mit unserem sozialen Umfeld in Harmonie und Eintracht zu leben. Wir sind abhängig und nicht frei von Menschen. Asoziales Verhalten ist disharmonisch.


Weitergehend ist unser Denken von Logik beeinflusst. Ja, wir können frei vom Einfluss der Logik sein wollen. ? Wir können die logischen Konsequenzen unseres Wollens nicht berücksichten. Das ist möglich, aber sehr nachteilhaft. Es gibt mehrere Gründe warum Logik und Wissenschaft uns Vorteile bringen kann. Es ist nicht logisch, bei einer Entscheidung nicht auch die logischen Folgen ab zu wägen.

Wer frei von Logik Entscheidungen fällt, sieht das Unruheschaffende, welche aus seiner Handlung folgt, nicht kommen und wird sich in einer ähnlichen Situation, wie der Kurzfristige wiederfinden. Langfristigkeit und logische Überlegungen hängen miteinander zusammen. Ich möchte klarstellen, dass logisches Denken nicht das Gegenteil von Emotionen bedeutet; das wäre das unlogische Denken. Logik kann Emotionen gebrauchen, wie Emotionen Logik gebrauchen kann.


Es ist möglich, dass Absicht und Konsequenz sich unterscheiden. Warum das? Nun Kurzfristigkeit meine ich hier nicht unbedingt und Zufall ist hier auch nicht der Übeltäter. Es ist natürlich wieder der eingeschlagene Pfad für unsere Reise. Hmm, ich meine unlogisches Verhalten. Und nochmal Unlogik hat wenig mit Emotionen zu tun.

Emotionen sind da. Wenn jemand von ihnen frei ist, dann nennen wir ihn lethargisch oder apathisch. Wir sind nicht frei vom Einfluss unserer Emotionen und das ist auch gut so. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen. Auch kulturell spielen Gefühle eine wichtige Rolle. So sollen mir Emotionen ein Beispiel sein für meine These, dass die absolute Freiheit unseres Willens nicht unbedingt erstrebenswert genannt wird und nicht mal utopisch ist. Der Determinismus geht viel zu oft davon aus, dass Beeinflussung automatisch Unfreiheit bedeutet. Und das ist falsch. Beeinflussung ist nicht Festlegung. Freiheit ist nicht die Notwendigkeit unabhängig von etwas zu sein, sondern die Möglichkeit. Freiheit ist auch die Möglichkeit Unfreiheit zu wählen. Wir können uns frei dazu entscheiden Sklave zu werden.


Frei von dem Einfluss der Triebe, frei von asozialem Verhalten, frei von Unlogik und frei von Freiheit ist der freie Wille.

Die Lösung der Frage ist also: Wir definieren den freien Willen so, sodass wir ihn haben können. Das Wichtigste ist das Wollen einen freien Willen zu haben.


Den Determinismus zu widerlegen war für mich lange Zeit sehr schwer, weil wenn wir genau hinschauen, fast überall Kausalität zu sein scheint. Die Welt ist nicht unlogisch. Aber determiniert ist sie auch nicht. Wenn wir denken, dass wir keine Wahl haben, dann haben wir keine Wahl. Determinismus ist eine selbst erfüllende Prophezeiung. Der praktische Nutzen im Alltag vom Determinismus sehe ich im Sündenbock sein. Du willst etwas Schwieriges erledigen, aber leider ist der Mensch halt nun mal so - da kannst du nichts machen - faul. Deswegen nimmst du die Entschuldigung dankbar an und ruhst dich auf deinem Arsch aus. Die Mächtigen dieser Welt haben verstanden, dass selbst wenn wir determiniert wären, es viele Nachteile mit sich bringt, an diese Position zu glauben.


Also wir haben einen freien Willen, weil wir diesen so definieren können, dass wir ihn haben. Deterministen legen sich die Steine nicht selbst in den Weg, aber akzeptieren allzu gerne, dass wir vorherbestimmt sind diese Scheißsteine nicht zu umgehen, über sie zu steigen oder sie weg zu kicken. Wir können uns an mehr gewöhnen, als wir denken. Wir können ebenso öfter entgegen unserer ''Determinierung'' handeln, als wir meinen.

Ich würde hier gerne weiter schreiben mit: Wir brauchen Helden! Leute die endlich sich trauen, den Problemen dieser Zeit ins Auge zu schauen und sie natürlich auch zu lösen. Individuen müssen sich erheben und die Arbeitspferde müssen mündig werden. Vielleicht wären wir alle besser dran, wenn wir akzeptieren und zugeben, dass niemand die komlexe Wahrheit hat was wir hier eigentlich machen.

Das schreibe ich aber nicht.

Ich denke es bleibt nichts mehr zu sagen über den freien Willen. Viele, die ich gefragt habe, ob wir einen freien Willen haben, drückten aus, dass sie noch nicht wirklich darüber nachgedacht haben oder gaben ein einfaches Nein. Eine interessante Antwort war: ''Nein, aber ich glaube trotzdem, dass ich einen habe.''

Letztendlich ist die Frage in sich schon nicht wirklich relevant. Aber sie zeigt, wie ich philosophische Fragen beantworten will. Die Antwort soll praktisch und ruhebringend für das Individuum sein. Dennoch natürlich mit Logik begründet, wobei es eine Eigenart von philosophischen Fragestellungen zu sein scheint, dass obwohl sie schon eine Antike alt sind, keine eindeutige Antwort oder Lösung am Horizont aufgetaucht sind. Das bedeutet entweder, dass die Realität unfassbar kompliziert ist und Sprache sie nur vereinfacht und nicht dafür konzipiert wurde die Realität zu entschlüsseln; oder das aus einem Boxring mit gegensätzliche Argumente manchmal kein Gewinner hervorgeht. Ich hab mal gelesen, dass in der Antike einige Boxkämpfe mehrere Stunden oder sogar einen Tag sich erstreckten. Die Gegner nahmen abwechselnd einen Schlag und teilten einen aus. Beim Schreiben kommt es mir gerade so vor, als seien die Reihen der Tasten auf meiner Laptoptastatur nicht parallel, sondern schräg verlaufen, als würden sie sich außerhalb meines Sichtfeldes rechts zusammen zulaufen und eine Party mit meiner ComputerMaus zu veranstalten. Monty Python schafft es wirklich unvorhersehbar zu sein. ''The meaning of life'' ist ein wunderbare Beispiele. Beispielsweise der Kellner, welcher die Kamera von der vorherigen Szene minutenlang über Bürgersteige und Straßen zu seinem Geburtsort führt. War ich schon immer determiniert genau diese Wörter zu schreiben? Bist du determiniert sie zu lesen?

Fakt ist ja, dass du sie liest und ich sie geschrieben habe. Und im Nachhinein war die Machtergreifung von Hitler voraussagbar. Oder wissen wir nachher immer mehr? Btw: Immer ist immer eine Hyperbel! Just saying.

Ist dieses Kapitel eigentlich Kunst?

Die Zeit verdient ein eigenes Kapitel. Früher war ich der Auffassung, über Zeit zu philosophieren sei zu kompliziert und irrelevant, somit die Mühe nicht Wert. Aber jetzt - im Nachhinein - bin ich schlauer (aber immer noch nicht schlau). Zeit ist von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit betrachtet linear. Sie sieht aus wie eine unsichtbare Schlange, mit unregelmäßigen sichtbaren Punkten, in der Gegenwart wie ein dickes Chameleon und die Zeit zur Zukunft betrachtet sieht aus wie Hydraköpfe mit tausenden Hälsen und Köpfen aus Sternenstaub und Rauch. Je unsicherer wir die Ereignisse der Zukunft einschätzen, desto mehr dicke Rauchhälse. Deterministen sehen in der Zukunft nur einen dicken, beim Autofahren behinderten Morgennebel. Der zwar die Straße für 10 Meter zeigt, aber ihnen jeden Einsicht in den Gegenverkehr und in alle alternativen Routen verwehrt. Sie haben ein Navi, welches von ihren Eltern und ihrem Umfeld eingestellt wurde, und sie düsen Richtung Erfüllung gegen einen Baum und sterben. Aber in den wenigen Sekunden, in der sie von der Straße fliegen, das Automobil sich in der Luft befindet -alles in Zeitlupe passiert-, erkennen sie, wie schön und einzigartig doch die Rinde des Baumes ist und wie der Nebel nur durch ihren Willen und ihre Ablenkung von der Wahrheit ihre Sicht getrübt hat. Sie schauen in den Rückspiegel und sehen all die Wege, welche weg geführt hätten, raus aus dem Tal der Einöde, rauf auf die atmosphärischen Bergkämme, thronend unter dem Dach der Welt.

Ich versuche auszudrücken, dass wenn wir nach hinten schauen viel von dem was jetzt offensichtlich ist, damals noch überhaupt nicht eindeutig war. Und im Bezug auf den Determinismus zu sagen bleibt, dass nur weil wir im Nachhinein feste Kausalität entdecken können, es andere Pfade zu beschreiten gegeben hätte. In der Gegenwart können wir entscheiden, wie wir auf den vor uns liegenden Weg zurückschauen. Ein Weg den wir freiwillig bewandern konnten, oder war es ein Weg zu dem wir dachten gezwungen worden zu sein.

Voraussagen sind manchmal korrekt, aber das können wir vorher nicht wissen. Beweise mir bevor ein Jahr vergeht, dass es nicht möglich ist, dass in genau in einem Jahr, nachdem du dieses Wort gelesen hast, alles was blau ist, grün wird und bleibt. Die Realität ist zu komplex. Diese Komplexität sorgt für eine konstante Unvorhersagbarkeit. Viele Systeme sind charakterisierbar als Level 2 Chaos. Das bedeutet, dass Voraussagen selber die Ereignisse ändern. Look it up. Genauso ist Singularität erkundenswert.

Voraussicht wird angestrebt. Aber dazu gehört die Akzeptanz der möglichen Hydra Köpfe, welche auf uns warten. Die gute Neuigkeit ist, dass wir nur mit einem Kopf am Ende kämpfen müssen.


Ich entschuldige mich für die Nonlinearität dieses Kapitel NICHT. Und wer sich nicht vom freien Willen überzeugen lässt, kann wenigstens über meinen Versuch lächeln.


Zusammenfassung:

- Wiedermal ist die Eigenschaft, über die wir reden, geil.

- Wir haben einen freien Willen.

- Er ist das Frei sein von Unwissenheit, asozialem Verhalten und Irrationalität.


Nächstes Kapitel: Ist der Zufall wirklich zufällig?