[1] Vereinfachung der Realität

21.02.2018

Eine immer wiederkehrende Erkenntnis. Wer sie begreift, der versteht wahrhaftig.

Ich beginne mein erstes Buch mit der Realität und der Wahrheit.


Der Prozess, in dem wir Wissen und Erkenntnisse zwischen Menschen austauschen, benötigt immer Geschichten in Form von Bildern und Sprache. Es gibt noch keine Alternative dazu. Wie die Realität im Spezifischen auszusehen scheint, erzähle ich in den anderen Kapiteln. Aber erst mal werfe ich einen Blick auf die Fehler meiner Methoden. Die Methoden des Schreibens und Erzählens. Warum können meine Ausführungen nicht vollständig und nur realitätsabbildend sein?

Und warum kann ich die Wahrheit sagen, wenn ich meine, dass meine ausgeführten Erkenntnisse allesamt wahr sind?

Wenn wir sprechen, dann vereinfachen wir die Dinge; wir reduzieren sie auf ihre Bedeutung. Sprache kann nicht realitätsgetreu die Realität darstellen, weil wir sie nur auditiv während des Zuhörens oder visuell beim Lesen - die Welt aber mit allen Sinnen - wahrnehmen können. Zum Beispiel ist eine Schildkröte mehr als nur das Wort, welches sie beschreibt. Auch wenn wir versuchen, mit ''grün'', ''Panzer'', ''vier Beinen'' und so weiter die Testudinata genauer zu beschreiben, nähert sich das imaginäre Bild dem mit den Sinnesorganen wahrgenommenen Bild an ohne jemals deckungsgleich zu sein. Zudem ist die Betrachtung der Schildkröte kein Bild. Eher ein Film. Wir können die Bewegung sehen und die Geräusche hören. Aber wohl auch ein Film vereinfacht die Realität. Das Wort wird nicht zum realen, gepanzerten Wirbeltier, egal wie oft wir es versuchen.

Wir sollten auch nicht versuchen, die Sprache zu ändern, sodass wir die Realität realitätsgemäß beschreiben können, falls das möglich wäre. Kommunikation ist auf Effektivität ausgerichtet. Warum soll ich ausdrücken, wie genau ich den Tiger hinter dir im Busch wahrnehme. Wichtiger ist es dir zu sagen, dass er da ist und dich sabbernd beobachtet. Die Argumentation auf Grund von evolutionären Notwendigkeiten oder Vorteilen ist weit verbreitet und wird noch öfter vorkommen, weil wir das sind, was wir in der Vergangenheit wurden.

Wenn wir versuchen, etwas zu beschreiben, werden wir den Zweck der Beschreibung erreichen, aber die Realität einfacher darstellen als sie ist. Können wir die Realität eigentlich wirklich fassen, wie sie ist? Unsere Sinneswahrnehmung ist auch eine Vereinfachung der Realität.

Unsere Sinne können manche Signale nicht verarbeiten. Bestimmte Schall- oder Lichtwellenfrequenzen können wir nicht wahrnehmen, sind uns vorenthalten. Wir brauchen sie zwar im Alltagsleben nicht, aber trotzdem sind diese real und deshalb kann ich behaupten, dass wir seit jeher in jeder Wahrnehmung vereinfachen. Schon antike Philosophen stellten eine Theorie auf, nachdem sich die Materie unglaublich oft teilen lasse. Wir können nicht nur Materie sehr oft teilen, sondern auch Farben, Gerüche, Texturen, Geschmäcker und Geräusche erstaunlich häufig differenziert wahrnehmen. Dennoch ist diese Differenzierung nicht vollständig und verbal kaum erreichbar.

Realität (Definition): Alles Seiende

Wir können nicht alles Seiende wahrnehmen oder wissen, sondern nur Teile. Wir können uns an die Gesamtheit annähern. Das Problem mit dem Beschreiben der Realität, sodass wir ihr gerecht werden, ist nicht nur die Komplexität der existierenden Dinge, sondern auch die Menge und deren Zerstreuung. Allein die gesamte Welt als Individuum gesehen zu haben, und nicht nur in jedem Land der Erde gewesen zu sein, sondern tatsächlich jedes Stück Land zu sehen, dauert mehr als ein Jahrhundert. Daraus folgt die Wahrheit über die Wahrheit...

Seit der Aufklärung meinen wir, dass die absolute Wahrheit wahrscheinlich nicht existiert, nur von Gott gekannt wird oder wir noch nicht zu ihr gelangt sind. Das geozentrische Weltbild (lange Zeit die Wahrheit) wurde widerlegt. Unmöglich! - haben die daran Glaubenden gesagt. Galileo hätten sie hingerichtet, hätte er nicht widerrufen. Wir können etwas für die Wahrheit halten, was sich bald als falsch erweist. Die Empirik ist weit, aber noch nicht weit genug, dass wir uns sicher sein könnten, dass wir uns nicht täuschen, besonders in philosophischen Fragen.

Mein Lieblingsfilm ist ''Matrix 1'', von Lana und Lilly Wachowski. In dem Film flüchtet der Protagonist Neo aus einer Simulation, welche das Leben so gut imitiert, dass die Menschen sie für die Realität halten. Die Modernisierung des dekartischen Skeptizismuses zeigt so metaphorisch auf, dass wir uns selbst unserer Wirklichkeit in dem Aspekt der Echtheit nicht sicher sein können. Es ist schwer zu beweisen, dass wir nicht in einer Simulation leben, welche perfekt unsere Realität darstellt.

Die Tatsache, in einer Simulation zu sein, spielt für uns nur eine Rolle, wenn wir die Möglichkeit haben, aus ihr auszubrechen, was in unserem Fall nicht der Fall zu sein scheint, da nicht mal feststeht, ob wir überhaupt in einer sind. Es ist also relativ irrelevant und wir sollten unser Verhalten nicht ändern, nur weil es diese Möglichkeit gibt.

Was nun diese Erkenntnis in Bezug auf die Realität und Wahrheit zeigt, ist dass nichts wirklich sicher ist, da alles eine Täuschung sein könnte. Ich definierte, definiere und werde Wahrheit wie folgt definieren:

Wahrheit (Definition): Das Angenommene entspricht mit der höchsten Wahrscheinlichkeit der Realität.

Falls ich als Autor also etwas behaupte, wie etwa was Wahrheit ist, so ist das Ausgesagte schlussendlich für mich das, was die höchste Chance hat, wahr zu sein und nicht das, was wahr ist, denn das liegt jenseits unserer Erkenntnis.

Diese Relativierung sorgt für eine Aussagekraft, welche erstens keinen apodiktischen, uneingeschränkten Wahrheitsanspruch besitzt, sondern nur als Hypothesen mit glaubhaften, logischen Inhalt angesehen werden kann, zweitens die Diskussionsoffenheit über die philosophischen Gedankengänge wahrt und drittens trotzdem allgemeine oder spezifische Aussagen über die Realität ermöglicht.

Dieses Grundprinzip meiner Rhetorik stelle ich also an den Anfang des Buches, sodass alles Kommende dem Prinzip folgt.


Zusammenfassung:

- Die Realität ist nicht gänzlich erfassbar.

- Vereinfachungen sind effektiv und nötig.

- Das Wahrscheinlichste ist die Wahrheit.


Nächstes Kapitel: Die relevante Relevanz